Sonntag, 16. Oktober 2011

Viel Kleinvieh, viel Mist.

Ich mach keinen Hehl daraus. Ich bin eine Aufbewahrerin. Was Gegenstände betrifft wie auch Sphärisches. Das hat ja logischerweise die berühmten zwei Seiten; jeweils beides.

Wenn im Hause ein Gummiringerl (Spezialpapier, Behälterchen, gepresstes Kleeblatt, wasauchimmer) benötigt wird, ich habe es, und ich habe es sogleich zur Hand. Ich habe viel, ich habe jede Menge Dinge, und ich weiß genau wo ich sie finde (im Gegensatz zu zugemülltem Chaos ist hier einfach nur überall – voll).
Die Kehrseite: Bis es benötigt wird, benötigt es, wo zu sein. Widgetmäßig schrumpfen geht halt nicht. Und ausblenden an manchen Tagen gar nicht.

Ebenso verhält es sich mit meinem Kopf-Inhalt. Toll, wenn schnell Zugriff auf Allgemeinwissen (Erinnerungen, Namen, Aufbewahrungsorte, wasauchimmer) gewährleistet ist. Ich habe viel, ich habe jede Menge Dinge in meinem Kopf. Und sehr oft wissen sie genau, wann sie einfach an die Oberfläche kommen und sich, süffisant lächelnd, wie in einer Sänfte schaukelnd, von mir umherschleppen lassen können. Und ausblenden geht an manchen Tagen gar nicht. Das ist dann oft die Kehrseite.

Jetzt gibt es aber einen Trend. Das "Unclutter"n. Wie die Schwammerl schießen wirklich inspirierende und tatsächlich nützliche Seiten aus dem Web, in denen unterstützend geraten, aufgelistet, veranschaulicht wird, wie man sein Heim entrümpeln, ordnen, freiräumen kann. (Link1, Link2, Link3) Sehr spannend! Sehr richtig! Sehr beeindruckend! Wirklich!

Nun heißt es dort aber richtigerweise auch gerne, So wie es in deinem Heim aussieht, spiegelt es wider wie es in dir aussieht. Wer rundum zugestellt und zugeräumt ist, wo sich in allen Ecken Zeug ansammelt, der kann den Kopf nicht frei haben. Kann auch mobilitätsweise nicht sehr frei beweglich sein.
Das stimmt schon! Das stimmt sehr wohl! Nur ist es ein Leichteres, sich jeden Tag ein Stückchen Wohnung vorzunehmen, als den eigenen Kopf freizuräumen. (Außer es handelt sich wirklich um ein Messie-Syndrom, ein Hoarding-Problem.)
Mein Badezimmerschränkchen hab ich leicht und schnell ausgemistet. Aber meine Schulzeiterinnerungen?
Dem Papierkram auf dem Schreibtisch werd ich schell mal Herr und befördere ihn zu zwei Dritteln ins Altpapier. Aber wo sollen meine schlechten Erinnerungen an meine ersten Jobs hin? Sondermüll?

Dafür, weil man seinen Kopf eben selbst schwer bis gar nicht selbst entrümpeln, entstauben und ordnen kann, dafür gibt es bekanntlich Psychotherapeuten. Die sagen einem dann, dass die 20 Paar alten Socken ruhig entsorgt werden können. Nur sind diese Seelenentrümpler ebenso nützlich und angesagt wie die Unclutter-Webseiten, und darum muss man leider (im Vergleich zu kurzen Ladezeiten) mit relativ langen Wartezeiten aushalten. So verbleiben die Kontoauszüge von vor 10 Jahren wie auch die Bedienungsanleitungen längst weggeworfener Geräte weiterhin in einer tiefen, staubigen, untersten Lade irgendwo im Abstellraum.

In der Zwischenzeit lasse man aber nicht alle Zuversicht fahren, sondern tue was man auch alleine kann. Man nehme sich immer wieder, bei gutem Energielevel täglich, ein Eckchen der Behausung vor. Oder am Besten generell: Jeden Tag ein Ding entfernen. Sei es verschenken (aka spenden) oder wegwerfen. Und wenn man (physisch oder psychisch) ganz marod ist, geht das sogar vom Sofa aus, wenn man ein Helferlein zur Seite hat. Die Vom-Sofa-aus-Variante wäre sicher auch nicht schlecht geeignet, wenn man selber zwar nicht malad ist, aber meint, wirklich an jedem Kleinteil zu hängen und es wahrscheinlich nicht loslassen zu können.

– An einem Tag schaffte ich eine Tragetasche Bücher weg. (Ich! Bücher!)
Bücher, die ich im Teenageralter gelesen habe. Kuriose spirituelle Dinger. Vollkommener Quatsch. Und welche, deren Inhalt man leichter und aktueller nachgoogeln könnte, wenn man denn wolle.
Abgestaubt, eingesackt, "Wer will mich" draufgeschrieben, zu den Hauspostkästen gestellt. (Und ich weiß, dass eine bestimmte Dame hier im Haus diesen ganzen Wahrsage-Sprechfunk-mit-Verstorbenen-Kornkreise-etc.-Kram gerne lesen wöllte.) Nach kurzer Zeit war die Tasche dann auch weg. Bravo.
(Die Vom-Sofa-aus-Variante: Buchtitel vorlesen lassen, "weg" oder "bleibt" sagen, gleich einsacken und wegbringen lassen. Altpapiercontainer, Buchtauschregal, egal, Hauptsache raus.)

– An einem anderen Tag mistete ich die hübschen Schachteln aus, die ganz oben auf den Bücherregalen stehen. Und Zeug beinhalten. Verschiedenstes Zeug. Mistsack bereit halten und rigoros wegwerfen. Erstaunlich, was für Klumpert sich zum Teil darin findet. Vor allem wenn man während einer Übersiedlung einfach alles Kleinzeug in diese Schachteln gestopft hat und währenddessen sowie nachher keinen Nerv hatte, auszusortieren. Es heißt beim Schweden ja auch treffenderweise "Aufbewahrung", und nicht "Aussortierung".
(Die Vom-Sofa-aus-Variante: Man lasse sich Schachtel um Schachtel ans Sofa reichen. Zu Füßen den Mistsack. Und nun schön viel in den Mistsack fallen lassen, bevor man wieder einen Schachteltausch macht. Next!)

Das Spannende an der Sache ist: Es ist ansteckend.
Kaum begann ich auszumisten, überfiel den Mann des Hauses ein plötzlicher Staubwisch-Drang. Da er vom Schachtelwuchten Staubniesen bekam. Die geschnupfte Prise Staub brachte ihn wohl auf eine Idee. Er sortierte und entmistete und entstaubte dass es eine Freude war. Und während wir im Wohnzimmer zu Gange waren, fing das Kind in seinem Zimmer an. Kam immer wieder mit Teilen in der Hand und einem gemurmelten Kommentar auf den Lippen ("Papiermüll... normaler Mist...") aus seinem Zimmer gewandert. Und war zeitweise fast in "aber ich brauch jetzt den Staubwedel!"-Diskussionsstimmung geraten. Dafür durfte er dann den Mist rausbringen. Und den Kugelgrill im Garten abwischen. Und mit dem Mann gemeinsam Kugelgrill und verpackten Gartenschlauch in den Keller bringen.

Wenn's nur mit dem eigenen Innenleben auch so locker vonstatten ginge.
Wenn man eine bestimmte Erinnerung hochhalten könnte und man fröhlich zu dritt unisono rufen könnte, "Bin!", und das Ding würde in den Sack segeln.
Aber der Tag wird kommen.
In der Zwischenzeit kommt einmal das Gewürzschränkchen dran.

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