Mittwoch, 9. Februar 2011

Winter 2010/11

Große Designer zeigen die Winter-Kollektion ja schon im vorhergehenden Sommer.
Kleine Selbermacherinnen dann halt dann, wenn der heurige Winter (hoffentlich) nahezu schon Geschichte ist.

Wo Gestresstheit auf gleichzeitige Faulheit trifft (jawohl, das gibt es), wird nicht dokumentiert, was neben dem begeisterten Schauen von z. B. Lie to Me (im famosen Original) so alles entstanden ist in den vergangenen Wochen und Monaten. Mmmh, einer meiner topfavorisierten Schausteller. Seit... na, auch schon über zwanzig Jahren.
Aber nun zurück zu meinen eigenen Werken, da gibt's jetzt kein Herumdrückenwollen.

Was ich ja schon im Spätsommer angesprochen habe, war die Liste der Schule, die unter Anderem auch nach Stoffsackerln ersuchte. Zwei an der Zahl; für Turnsachen und Hausschuhe.
Hier zu sehen: Der Turnbeutel sowie eine der ebenfalls angefragten Stoffservietten. Jeweils handgestichelt bzw. handgekordelt, alles aus Geschirrtüchern aus dem Euroshop. Das Namensschildchen ist voll Mutterstolz ganz offensichtlich auch selbst gepfriemelt. Wovon ich kein Bild habe: Der Malkittel sowie die "Malfetzerl". Die befinden sich nämlich dauernd in der Schule.

Dann erinnere man sich an meine Pseudo-Schafwoll-Optik-Mütze mit dazupassendem Herrn Moebius. Da schrie das Kind, So eine möcht ich auch!, und so geschah's. Für ihn allerdings mit weniger mädchenhaftem Zipfel an der Mütze. (Auch wenn er später protestierte, ich solle ihm das eines Tages bitte auch in eine Nougatbommel umtauschen.)

Weiters bat das Kind um (Bein)Stulpen. Als er sah dass Muttern sich mit dem Zopfmuster angefreundet hatte, mussten da auch Zöpfe rein. Also aufgeribbelt und noch mal gemacht.

Hier sieht man den Ritterschal für den Herrn und den Ritterschal für den Knaben. In Anlehnung an das Kettenhäubchen und den Schal, von mir "Scoif" tituliert. Der Herr bekam's überraschenderweise zu Weihnachten, das Kind mal so zwischendurch. Simpleres Muster nahezu unmöglich; Wirkung: ziemlich echt. (Und wer mal in eine neuere BBC-Serie betreffend Robin Hood reingeschaut hat, erkennt die Idee zum Fake-Kettenhemdlook vielleicht. Kam nicht gut bei BBC, shame on your Kostümabteilung, ist aber gut genug für meinen Hausgebrauch.)

Und da ist es, das doppelte Déjà-Vu. Einerseits die Pseudo-Schafwolle, andererseits die Zöpfe. Ja, ich wollte mich selbst herausfordern. Und ja, ich hatte wohl einen schottischen Moment.

Zu einem feierlichen Anlass schenkte ich meiner Mutter einmal einen USB-Stick. Damit ich ihr Kinderbilder nicht mehr mühsam mailen muss, sondern sie sie bequem automotorisch nach Haus bringen kann. Doch meine Mutter ist eine jener Damen, die großformatige Handtaschen mit weniger als einem kleinen Zusatzfach im Inneren favorisiert. Und da verliert sich so ein Stickchen mal schnell im Gewühl. Darum musste überraschenderweise ein Schutztäschchen her. Aus schwedischem Reststoff, gefüttert mit einem dieser samtbeflockten Plastikmaterialien, für mehr Stabilität. Tadah.

Und was macht Frau wenn sie über Weihnachten frei hat? Auf der Couch sitzen und grübeln wie der Sitzcomfort verbessert werden könnte. Und so gesellte sich zu den zwei anderen quadratrischen Pölstern (von denen einer im Zuge dieser Aktion etwas mehr Stopfvolumen und auch gleich eine ordentliche Innenhülle erhielt) ein dritter hinzu. Polster aus aufgelassenem Still- bzw. Kinderbett-Kissen und weißem Baumwollstoff aus der schwedischen Restekiste, Unterhülle ebenso, und einer zählgestrickten Außenhülle. Und weil Rautenstrick allein so glatt-verkehrt ist, bekam das Ganze während der Zusammenhäkelei gleich ein paar Knubbel dazu.

Nachdem mir meine Mutter nach ihren Groß-Umsortier- und -Aufräumarbeiten bergeweise Wolle, Stoffe und stapelweise Handarbeitszeitschriften aus den frühen 80ern zu- und nach Haus getragen hat, die sie sonst weggeworfen hätte (Schnappatmung #1: das kann man nicht wegschmeißen!, das ist hochgeschätztes Retro-Handarbeitsgut!! und Schnappatmung #2: bitte wo soll ich das jetzt alles bei mir unterbringen!!), entdeckte ich in einem der Säcke eine honiggelbe feine Merinowolle... diese typische "so leicht und doch so warm"-Wolle. Bloß nicht gerade in "meiner" Farbe. Also musste das Kind daran glauben. Honig? Karamell? Oder, laut dem Herrn des Hauses, die schlimmste so-80er-Farbe die er je gesehn hat? Das Foto spottet der Wollfarbe Beschreibung. Es macht sie zu senfig, was sie nicht ist. Sie ist... einfach 80er. Sowas traut sich heutzutage keiner mehr herzustellen. Ist aber so schön komplementär zu des Kindes Augenfarbe, da geht das dann schon.

Und fast vergessen: Endlich wurde aus meiner Idee und Illusion, meinen Computersessel ein wenig aufzumotzen (ich betone nochmals: Lie to Me zu schauen, vor dem Computerbildschirm und auf dem Computersessel, welcher schon über zehn Jahre auf der Sitzfläche hat und bei dem einem schon die Schrauben ins Hinterteil bohren, verleidet mit Fortschreiten der Zusehdauer das Vergnügen) Wirklichkeit bzw. Praxis. Schon seit einiger Zeit hatte ich ein Sitzkissen (wie man sie für Esstischstühle kauft) in petto, und einen vagen Plan, wie ein Überzug zu dem Ganzen aussehen könnte. Nun war also die Zeit reif, bzw. fand ich in derselben schwedischen Fundkiste einen netten Stoff, und machte mich sogleich ans Werk. Ja, handgenäht. Nein, nicht vermessen, nur mal so drübergeworfen. Und ja, abnehm- und waschbar. Mit Gummizügen. Weil was nützt mir all die Schönheit, wenn sie nach einiger Zeit wieder grau gesessen ist. Resultat: Viel besser in puncto Poschmeichelfaktor. Und endlich auch nicht mehr nur so schwarz.

Very last aber sicherlich nicht least ist hier das Werkstück des Kindes, auf dessen Herstellung er sich schon so lange gefreut hat:
Jakes hand(bzw. finger)gestrickter Schal.
Ewig schon lag er mir in den Ohren, er möchte Häkeln und Stricken lernen. Bekam zu Weihnachten ein Lehrbuch für Kinder, über das Häkeln. Fand mühsam heraus, wie man die Strickliesl zu ansehnlichen Ergebnissen würgen kann. Und dann kam die Schulwerkstunde. Und das Fingerstricken. Und der Bub war selig.
Übrigens freut er sich schon immens auf das nächste Schul-Handarbeitsprojekt: Es soll gestickt werden. Ich freu mich schon mit.

Wovon es leider keine Abbildungen gibt, sind bereits vergebene Geschenke.
Ein dicker, garniger, weicher Moebius für die Quasischwiegermutter.
Ein miniatürliches ungarisches Flohmarkt-Tässchen, das für die eigene Mutter zum Nadeltässchen umfunktioniert wurde (wir alle kennen die Idee: Nadelpolster füllt Tasse, sieht schnucklig aus, hat Zickzackbörtchen etc. pp.; inklusive Untertässchen zur Ablage von Fingerhüten und anderem nähtechnischem Allerlei).
Weiters ein Paar leicht bezopfte weiche Pulswärmer für die Kollegin (da sie sich so etwas in aller Öffentlichkeit vom Christkind gewünscht hatte; ellabätsch, sowas sagt man nicht laut wenn ich daneben steh).
Dem folgt dann ein dazupassender Moebius, welcher in der Serie allerdings etwas zu unspektakulär zum Hierherzeigen ist.
Außerdem strickte ich mir über Weihnachten auch einen Pullunder, den ich aber von Anfang an irgendwie nicht mochte. Und da sich so ein Wollbabyblues bei mir selten auswächst sondern höchstens auf die Dauer immer stärker schlechtes Gewissen verströmt, hab ich das Ding herzlos und kaltblütig mehr oder weniger gleich nach Fertigstellung wieder in seine DNA-Stränge zurückaufgelöst.

– Da gerade vorhin das Wort "unspektakulär" fiel. Spektakulär sind die oben gezeigten Pfriemeleien sicherlich nicht. Aber wenn ich sie hier so aufreihe, gibt mir das schon irgendwie das Gefühl der Selbstbestätigung, dass ich meine knappen Abende und freien Tage vor allem im Winter doch nicht so nutz- und ergebnislos in die Finsternis verstreichen habe lassen.
Und bald ist es wieder Zeit, sich in den Garten hinauszuwagen, und entzückt wie jedes Jahr die gleichen Blüten und Keimlinge abzulichten.
Bald. Aber nicht gleich auf der Stelle.

Gentleman statt Hooligan!

Dieser Slogan für eine imaginäre, aber sicher nicht unangebrachte Sozial-Kampagne fiel mir Ende vergangener Woche ein, als ich magenkrampfgeschüttelt durch eine offene Glastür zum U-Bahn-Bahnsteig in Richtung Heimat wackeln wollte.
Denn einen Sekundenbruchteil nach mir schickte sich ein Mann an, in der entgegengesetzten Richtung denselben Durchgang zu benutzen. Wenn ich sage, Mann, dann meine ich einen nahezu zwei Köpfe größeren und doppelt so breiten Herren ungefähr meines Alters. Der den Türrahmen ausfüllte. Und es stur dabei beließ. Auch auf ein "Pardon?" meinerseits keinen Muskel bewegte. (Ich fühlte mich zu unwohl um nach Strategie Nummer 1, nämlich der Höflichkeit, Schiene 2, nämlich den Humor, anzuwenden, und frohlockend "Sesam, öffne dich!" zu rufen.)
Frech und trotzig wie auch ich es sein kann, kapitulierte ich angesichts der sich nicht mehr rühren wollenden und ziemlich finster dreinblickenden Fleischmasse und stapfte demonstrativ in betontem Rückwärtsgang meine letzten drei Schritte retour, auf dass die Dame zuerst weiterschreiten konnte. Da polterte die Türfüllung auch noch ein "Unglaublich.", auf das ich ein spontanes "In der Tat!" hervorbrachte (und ja, ich spreche wirklich so). Wäre er nicht an die 2 Meter und 130 Kilo inklusive Grimmblick gewesen, hätte ich ihm wohl nachgeträllert, was mir in dem Moment durch den Kopf schoss:
Ladies first!
Und daraus wurde in meinem Kopf auf der Stelle "Gentleman statt Hooligan".

Ist es eine Nebenwirkung der bislang noch nicht tatsächlich funktionierenden "Gleichberechtigung", dass Frauen jetzt ohne schlechten Gewissens nicht die Tür aufgehalten wird, sondern einem selbige an den Kopf geknallt werden darf? Trifft es sich denn nicht, dass man im Durchschnitt kleinere und leichtgewichtigere Frauen einfacher zur Seite schubsen kann? Gilt jetzt ganz einfach wieder ganz allgemein: Survival of the Fittest?
Vielleicht ist es mit dem Knigge in der Praxis ohnehin nie weit her gewesen.
Vielleicht gab es das Türaufhalten, das In-den-Mantel-Helfen, das Taschen-Tragen – vielleicht gab es das ohnehin nur in elitäreren Kreisen, in wohlhabenderen Schichten. Dass einem beim Diner das Sesselchen zurecht geschoben wird. Höchstwahrscheinlich hat man(n) einer Marktstandlerin ebenso wenig den Vortritt gelassen wie heute.
Was ja nicht heißen soll dass ich jetzt allein aufgrund meiner Chromosome rundum gepampert werden will. Eher, dass sich egal-wer egal-wem gegenüber zuvorkommend, rücksichtsvoll und höflich verhält. Ich halt gern mal einem Bullen von Mann die Tür auf. Damit hab ich überhaupt kein Problem. Nur damit, wenn es sich auf die primitive Ebene reduziert: Ich bin größer, ich bin stärker, drum bin ich Erster, und du bist nix.
Aber ach ja, der Tyrannosaurus Rex hat's ja nie zum Friedensnobelpreis gebracht...