Freitag, 11. Juli 2014

Ein Wettbewerb heißt darum so,

weil man sich bewirbt und mit ziemlicher Sicherheit drauf wetten kann, dass die Preise keinem Noname zugetragen werden.

Vor einigen Wochen fing es an: Die Presse, eine über 160 Jahre alte österreichische Tageszeitung, schrieb einen Gestaltungswettbewerb aus. Man möge unter dem Motto "Und Österreich bewegt sich doch" (Lüge? Oder: Wenn ja, wohin um Himmels Willen?) eine Briefmarke gestalten. Da die Teilnahme ungewohnterweise kostenfrei war, dachte sich mein graphisches Ego, Jo mei, das mach ich halt. Meldete mich an, gestaltete umher, und reichte ein, mit allem was gefragt war.
Und schaffte es nicht unter die elitären ersten 15.

Aber da ich mir nicht vergebens das Kreuz und die Augen aus-photoshopisiert haben möchte, stell ich jetzt einfach auch ganz unverfroren meine eigenen drei Entwürfe ins "Netz". Privat, autonom, und aus Spaß an der Freud'.
Unter meinen drei Sujets verleihe ich mir nun selbst Bronze, Silber und Gold, und lebe auch ohne Ruhm und fünftausend Euro weiterhin glücklich und zufrieden.

Entwurf Nr. 1 – Venus von Österreich

2014 gewinnt nach 48 Jahren wieder ein österreichisches Lied den Eurovision Song Contest: Conchita Wurst wird Kultfigur, bewegt Fans, regt aber auch Diskussionen an. Eine Frau mit Bart? Ein Mann im Kleid?
25.000 v. Chr. war das Frauenbild anders: Die „Venus von Willendorf“, eine Skulptur aus der Zeit, als Europa und seine Bewohner in Bewegung waren, entspricht nicht dem heutigen Frauenideal.
Dennoch haben Wurst und Venus etwas gemeinsam: Beide stammen sie aus Österreich und erlangten Weltruhm.


Entwurf Nr. 2 – Symbole in 100jährigem Wandel

In den vergangenen 100 Jahren bewegte sich in Österreich viel. Kriege und Krisen, aber auch technische Fortschritte veränderten das Land und seine Kultur. Man reihe Briefmarken aus den vergangenen Epochen aneinander und vergleiche: Von der Kaiserzeit zur Republik, von der Krone zum Schilling, zum Euro, bis hin zum aktuellen QR-Code, der die digitale Kommunikation symbolisiert, haben die letzten Generationen große Veränderungen durchlebt.
Österreich hat sich bewegt – und bewegt sich weiter.


Entwurf Nr. 3 – Spielberg : bewegt

Nach 11 Jahren kehrt die Formel 1 im Jahr 2014 nach Österreich zurück: Spielberg ist der Austragungsort, von dem weltweit gesendet wird, auf den die Welt blickt. Spielberg bewegt ganz Österreich: frischt den Rennsportenthusiasmus auf, zieht Sportfans an, bewegt Boliden wie auch die Menschen – und den regionalen Umsatz.
Für kurze Zeit nimmt der Umriss Österreichs, der sich in den letzten Jahrhunderten mehrmals geändert hat,
die Kontur der Rennstrecke an, und zeigt sich so auf dem Satellitenbild.


Aber hey, wer sich gerne eine dieser Marken "in Echt" aufs Kuvert picken möchte, darf das gerne tun: Unter dem Produkttitel "Meine Marke" kann man sich bei der Österreichischen Post eigene Briefmarken anfertigen lassen. Und nein, ich mache hier nicht Werbung für die Post, ich bekomme für die Erwähnung hier auch nichts bezahlt.

Mittwoch, 9. Juli 2014

Alles ist gut, alles wird besser.

Und dennoch bekommt man das Gefühl, dass es im ewigen Fluss weiterhin eher den Bach runter geht.

Man schlage eine Tageszeitung auf und lasse sich von den Lettern berieseln. Wenn es nicht nur die täglichen Berichte über Angriffe und Überfälle auf Personen oder Wertsymbole hortende Institutionen wären. Auch Politiker sind schließlich nur Menschen und klauen gemäß ihres Niveaus, beflegeln und streiten sich. Hände hoch, Handy her, Türe auf, Tresor leer. Es wird auch kräftig gerauft, gekämpft, gemordet, ohne Unterlass. Nicht nur im Grätzel, nach der Disco, sondern international. Es scheint mir als wolle sich die gesamte Menschheit am liebsten gegenseitig die Schädel einschlagen, wenn's sein muss mit Boden-Boden-Raketen.
Und plötzlich kommt auch im "Kleinen" (sprich, weltbewegend und lebenswichtig im Grund Irrelevanten) Vergeltungsverhalten auf, dessen Alternativen man schon im Kindergartenalter gelernt haben sollte. Wie du mir, so ich dir. Wenn also die Deutschen eine Generalmaut für nichtdeutsche Autofahrer beschließen, dann machen wir's ihnen halt auch. Weniger Einnahmequelle als trotzige Retourkutsche. Ellabätsch. Trotziges Retour-Ellabätsch schaukelt sich bekanntlich auf, und je enger sich die Aggressionsspirale eingedreht hat, desto weniger besteht die Chance auf ein erfolgreiches "Simmawiedaguuut?".

Simmawiedaguuut, das hat, in Kombination mit einem treuherzigen, reumütigen Blick, immer funktioniert, "als ich klein war". Ein Friedensangebot, das einfach nicht ausgeschlagen wurde. Ein Zauberwort, nach dem alles weggelöscht war, egal war wer angefangen hat oder wer ärger war, oder wer gemeiner. Alles vergessen und vergeben. Und alle Beteiligten erleichtert, weil die "Nichtmehrmeinfreund"-Phase einfach unbehaglich und bedrückend und, kurzum, anstrengend war.
Wenn sich nur auch "Erwachsene" in "erwachsenen" Positionen des Simmawiedaguuut bedienen könnten. Rechtzeitig, bevor sich die Aggressionsspirale zu drehen begonnen hat.

Aber, es gibt zum Glück auch gute Nachrichten.
An der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurde die weltweit erste Krebstherapie für Hunde entwickelt.
Österreichs Pensionskassen vermelden ein erwirtschaftetes Plus von 5,14 Prozent im Vorjahr.
Die Familienbeihilfe wird das erste Mal seit 13 Jahren erhöht – um satte 4 %, das sind beispielsweise für ein 10jähriges Kind statt bisher € 189,30 pro Monat € 194,60, sage und schreibe acht Euro und dreißig Cent mehr.

Da können wir ja getrost bestürzte, schockierte und traurige Gedanken sofort beiseitewischen.
Alles ist gut. Und es kommt noch viel besser.


Dienstag, 8. Juli 2014

Ich könnte, aber...

Oder: Mein Sommerloch hab ich schon abgearbeitet.

Frei nach dem "Prolog" der Einstürzenden Neubauten könnte ich schreiben

Ich könnte schreiben über die Schrift, die ich eines Abends spontan und unvermittelt erfunden habe
die weltumfassend leicht verständlich wäre, da sie auf Mundform-Symbolik basiert
Ich könnte, aber

Ich könnte berichten über meine Idee, ein Stickersammelbuch über Wissenschafter herzustellen
mit verschiedenen Print-Effekten zur jeweiligen Person passend
Ich könnte, aber

Ich könnte schwärmen von den neuen Methoden der Kieferregulierung, die das Kind nun auskostet
die, hätte sie es früher schon gegeben, mir so manche Pein erspart hätte
Ich könnte, aber

Ich könnte Fotos zeigen die in den letzten Wochen entstanden sind
von verschiedensten kulturellen und visuellen Begebnissen, und von Anfertigungen meinerseits
Ich könnte, aber

Ich könnte mich ergehen in Lob und Sentimentalität über des Kindes letzte Schultage
und die Lehrerin, die meines Erachtens eine der besten der Stadt sein muss
Ich könnte, aber

Ich könnte klagen über ausgemerzte Krankheiten und Glücks- in Unglücksfällen
als das carbonifizierte Zuckergetränk meiner Hardwarekomponente den Garaus machte
Ich könnte, aber

Ich könnte erzählen über 1ooo Gedanken die in meinem Kopf aufblitzen wenn ich dem Protokoll nach etwas ganz Anderes tun sollte, und darüber wie sie nach Art üblicher Gewitterblitze in Sekundenschnelle wieder unsichtbar werden, und ihre Nachbilder auf der Netzhaut nicht sie selbst mehr genau wiedergeben; ich könnte sarkastische Kommentare die ich an anderer Stelle von mir gegeben habe rezitieren, kritische Stellungnahmen niederschreiben, meine Sicht und Ansicht zu Themen kundmachen
Ich könnte, aber

Ich hatte, ganz lapidar, eine Menge zu tun, eine Menge getan, und zwar noch immer eine mentale ZuTunListe, doch angesichts ihres ständigen Auf- und Anschwellens so einiges davon abhaken können. Auch das heurige Sommerloch. Das hab ich für mich schon im Juni erledigt.

Aber wer weiß, vielleicht komme ich ja doch noch einmal auf einen der obenstehenden Punkte zurück. Wenn er der perfekte Kreis ist zum Beispiel, oder so wund, dass er intensiverer Behandlung bedarf.


Samstag, 17. Mai 2014

Live and let LifeBall

Oder: Wie sag ich's meinem Kinde.
Oder: Anlächeln statt wegschauen.

Anlässlich des diesjährigen LifeBalls wurden die neuen Plakate diesbezüglich präsentiert und affichiert, und schon regt sich das nach Tomchitas SongContest-Sieg angeblich so tolerante Österreich ja doch noch aus dem Innersten heraus: Das Sujet wäre unmöglich, begründende Ausrede: Warum muss mein Kind so was sehen, bzw., Was soll ich da meinem Kind sagen, wenn es das sieht.
Eine Frau mit Bart, oder ein Mann in Frauenkleidern, ach da sind wir ja (mittlerweile) eh so locker damit (plötzlich, angeblich), aber sowas geht doch wirklich absolut nicht. So sehr nicht, dass eine Frau den Zwang verspürt, nächtens, mit der Sprühdose bewaffnet, umherzuschleichen und der Sujetfigur ein dezentes Röckchen aufzumalen. Ein Röckchen, aber kein Hemdchen, wohlgemerkt, denn das Anstößige an dem Zwitterwesen muss eindeutig der Penis sein; ein barer Busen ist auf Werbeplakaten ja ganz in Ordnung. Hat da jemand Angst vor männlichen Geschlechtsteilen? "Ich kann halt nicht anders", wird die Frau zu sagen zitiert. Und dass sie das ihrem Kinde nicht zumuten möchte, nein, nicht kann.
Solcherart Stimmen wurden so einige vernommen: Wie kommt mein Kind dazu. Interessanterweise hab ich noch kein Kind selbst gehört, das sich beklagt hätte.

Sind es nicht doch immer eigentlich die Erwachsenen, die das Problem haben, und nicht die Kinder, die als Ausrede der eigenen Befindlichkeiten vorgeschoben werden?
Sind es nicht die Kinder, die "andere" Menschen eher offen anschauen und anlächeln, als die Erwachsenen, die verschämt wegsehen und tun als hätten sie nichts bemerkt. Denen die kindliche Frage, warum der Mann denn im Rollstuhl sitzt, oder warum die Dame so dunkle Haut hat, unangenehmer ist als ihre eigene Verklemmtheit, einfach aufzuklären. Als wären Erklärungen Beleidigungen? Als wäre totzuschweigen ein eleganter Zug? Eltern und Erwachsene, die sich mehr Sorgen machen und sich um Themen wie Patchwork und Tod winden, im Gegensatz zu Kindern, die noch mehr ungestriegelten Verstand zu besitzen scheinen?

Dieses Pseudo-Getue um z. B. Erik Schinegger, vor ewigen Zeiten Skifahrerin: Nach der Geburt zum Mädchen erklärt, später als Mann revidiert. Damals Skandal, später Futter für Schaulustige, und heute Liebling einer Fernseh-Dancing-Competition. Das konservative Österreich ist ja so liberal. So offen, so tolerant.
Ein Mann in Frauenkleidern gewinnt ein Wettsingen, der Kontinent lobt und applaudiert, und Österreich hat's ja eh schon immer gewusst (nachdem der Herr in den Vorjahren ausgebuht und beflegelt wurde). Ist die Schlacht geschlagen, sind wir scheinbar immer die Guten nachher; das Opfer, die Toleranten. Wir sind so tolerant, dass zur Zeit wieder und wiederholt Denkmäler und Mahnmale beschmiert werden. Dass eher ein Aufschrei durch die Menge geht, wenn ein nacktes Zwitterwesen abgebildet wird, als wenn Rechtsaußen geschlossenen Schritts auf die Straße oder aufs Tanzparkett marschiert.

Wie sag ich's meinem Kinde?
Ganz einfach. Jede/r ist anders. Jeder hat ein anderes Gesicht, manchmal hat wer sogar 6 Finger, ich selber hab weder Stirnhöhlen noch Weisheitszähne, manchmal hat eine Frau auch einen Zipfel, oft lassen sich Frauen Gummi in den Busen operieren, und manchmal wollen Männer das eben auch. Wenn's ihnen dabei gut geht und sie damit niemand weh tun, stört's doch niemand. Oder? Stört's dich? Tut's dir weh? Ändert das jetzt was für dich zum Schlechten? Kann's uns dann nicht einfach wurscht sein?

Wenn Männer keine Kleider tragen "dürfen" (wo steht das überhaupt): Dürfen dann Frauen auch keine Hosen mehr anziehen? (Selbst erlebt in einer renommierten Wiener Bank, in der Frauen in Beinkleidern nicht erwünscht sind.) Dürfen sich Männer dann auch nicht mehr rasieren? Muss jeder so sein wie er geboren ist? Soll doch jeder sein und machen wie er will. Wenn's niemand weh tut...
Ich fühl mich und meine Familie keineswegs bedroht von einem Stück Papier, sondern eher von lebensfeindlichen Ansichten in einem Ignorantenstadl, in dem mehr geht als denkbar ist – allerdings leider in die falsche, lebensverneinende Richtung.

Im Übrigen bin ich für die Neuachiffierung des Original-Sujets von 1973:

http://www.demokratiezentrum.org/wissen/bilder.html?index=872
Bzw.: Ich hab einen Busen, 
du hast einen Busen, 
warum sagen's zu dir XXX?


Sonntag, 27. April 2014

BoBoVille, HippieVille, DetroitVille

Beeindruckend sind die Bilder von computergestützten Anim- und Dokumentationen, wie es aussähe, wenn Mensch die Städte verließe. Und "die Natur", die mehr oder weniger nah Bekannte, "wieder die Oberhand gewinnt" und binnen weniger Jahre "sich den Raum zurückerobert". Was Beton aufbricht und hervorsprießt, was witterungsbedingt zerfallen und einstürzen lässt, was überwuchert und zuspinnt. Beeindruckend. Ganze Spielfilme wurden auf dieser Hintergrundidee aufgebaut – Mensch verlässt Erde/oberfläche, man linst mal kurz und findet Erstaunliches. Kaum wiederzuerkennen. Erschreckend? Wünschenswert? Symbolhaft? Selbst in Werbespots wurde schon "mit der Idee gespielt". Aber bitte nur spielen, denn wir sind die Technologie, die Zupflasterung, ja so gewohnt; wir verabscheuen und vergöttern sie zugleich. Kunstrasen! Asphalt! Unkrautvernichtungsmittel! Barrierefreiheit! Auf dass der Stöckelschuh sich in keinerlei Kerben verfange und zerkratze!

Und dann gibt es immer wieder Dokumentationen, die keiner Computeranimation oder Photoshops bedürfen: Über Detroit, die Wirtschaftsverliererstadt. Einst so voll, so dicht, so busy – jetzt verlassen, entleert, Mensch und Maschine sind abgezogen.
Schade? Schrecklich? Schauderbar? Geisterstadt? Soll man kopfnickend vorführen, wie schnell Menschliches Vergängliches wird? Wie sich das Fähnchen im Wind drehen kann? Wie fehl wir gehen in unseren Bemühungen, wie wir uns an Zielen kaputtrackern und mit welcher Leichtigkeit sie zerfallen? Schadenfreude oder Faszination des Grauens? Applaus für den Rückschritt bzw. den Fortschritt der "Natur"?

Aber was nun mit Detroit? Geschäfte sind dort nicht zu machen. Und ohne Geschäfte keine Einwohner. Infrastruktur, Einkommen, Convenience?
Schaue ich Endzeit-Filme jeglicher Art, in denen die menschliche Gesellschaft dezimiert und ruiniert wird, und es zum Happy End das typische Händchenvoll Helden geschafft hat "noch da" zu sein, überlege ich mir, wie es nun anzugehen wäre. Stromversorgung? Kommunikation? Herstellung und Lieferung von Waren? Medizin, Bildung? Man müsste sich neu strukturieren. Neu und klein anfangen. Menschliche Ressourcen, sprich, Wissen, finden. Selber machen.
Also was nun mit Detroit.
Wie wäre es mit einem MegaBoboVille? Eine ganze gärtnernde DIY-Metropole? Inklusive aller derzeit besonders hippen Ideen wie Tauschen als Währung? Umwidmen, recyclieren, selbstbauen, selbstanbauen, selbstschneidern, selbstverwalten? Homeschooling als Gesamtbildungskonzept? Kräutermedizin aus Eigenanbau?
Eine Stadt voller Düringers!
Warum eigentlich nicht. Ob die Stadt nun brachliegt oder sich eine Community bildet – wen würde es stören? Und dann ändern wir die Ortstafeln und nennen es:

ReTroit.


Sonntag, 13. April 2014

Faschings-Verkleidungs-RoundUp

Ein jedes Jahr im Fasching, seit dem Kindergarten und in der Volksschule, verkleidete sich das Kind anlässlich der Faschingsfeiern. Weil man das so tut. An einem festgelegten Termin fröhlich und ausgelassen und albern sein. Weil man an diesem Tag (und nur an diesem Tag? auf Kommando?) spinnert sein darf/muss/kann/soll.

2006 erledigte die Hauptarbeit der Kindergarten selbst: Vorgegebenes Motto ("Tiere"), und die Öhrchen bastelten sie dort auch selbst. Braun-naturfarbiges Gewand ausgewählt, und fertig.

2006: Der Bär.

Dankenswerterweise auch 2007 ein Motto: Clowns. Da ließ sich einfach etwas aus dem Kleiderschrank zusammenstellen – inklusive Mutterns eigentlich kurzer Hose.

2007: Der Clown.

2008 bekamen wir ein Baumeister-Kostüm geschenkt, von Leuten, die dachten, das Kind würde wie alle Anderen auf den Franchise-Waggon aufspringen. Eine Verkleidung war es allemal, so wurde sie eben angezogen. Wie phantasielos. Dankbar war ich darum dafür, dass der Kindergarten ein Faschingsfest mit einer Zirkusaufführung organisierte – und das Kind zum Löwen wurde.

2008: Commercial Bob.
2008: Der Löwe.
2009 fragte ich: Wie willst du dich denn verkleiden? Und das Kind meinte, Spongebob?!? Also wurde ein Kostüm geschaffen. Ein Schwammkopf aus einer Cornflakes-Schachtel, eine Krawatte aus Stoffresten, und die Sache war erledigt.

2009: Commercial Bob 2.0


2010 wieder das große Grübeln: Und was heuer?!? Ritter vielleicht? Nur zufällig ein walisischer, da der Drache sich so gut machte, wenn auch äußerst mühsam mit der Nagelschere auszuschneiden. Gut, wenn man genug Karton und Spezialpapier für Schild und Krone im Hause hat. Das Pseudo-Kettenhemd fand sich im 2ndHandShop.

2010: Der Ritter.
2011 wurden ein geschenkter Vampirumhang, ein Stab aus dem Zauberkasten und viel Buntpapier (Zylinder) zu einem Zaubererkostüm zusammengestoppelt. Achtung: Ein Zylinder ist nicht rund. Er ist oval. Weil Köpfe nicht rund sondern oval sind.

2011: Der Illusionist.

Nach langem Überlegen sollte es 2012 ein Pinguin sein. Diesmal ging's ans Nähen (Kostüm aus Rollkragenpullover, altem T-Shirt, Leggins), Stricken (Pinguinbein-Legwarmers), Basteln (Schnabelmaske und Fisch). Der weiße Bauch funktionierte als Geheimtasche, in der Golfischli-Knabbereien für die Schulkollegen versteckt wurden. Das Kostüm gewann keinen Preis, wurde aber ob seiner Einzigartigkeit von Direktion und Lehrerkollegium gelobt. 

2012: Der Pinguin.

Der größte Aufwand bis dato: Das Sams 2013. Für den "Taucheranzug" klapperten wir X 2ndHandShops nach gräßlichem Trainingsgewand ab (wenn man's sucht dann gibt's es nicht), das in langen Nächten abgeändert und mit den typischen Streifen benäht wurde. Dann Schwimmflossen und Rüsselnase gebastelt, Sams-Rückholtropfen (Zuckerkügelchen) fabriziert, und rotes Haarspray gekauft. Hinter vorgehaltener Hand das Lieblingskostüm der Klassenlehrerin. 

2013: Das Sams.

2014 war es nur eine Frage der Entscheidung, welche Star Trek-Uniform es sein sollte. Ein Klingone war nahezu unmachbar (zugegeben: nichts ist unmachbar, aber der immense Aufwand hätte sich für einen Tag nicht gelohnt, und die Herstellung in der kurzen Zeit nicht fertig werden können); für einen Vulkanier hätten die Augenbrauen ab müssen. Also lieber der originale Haustechniker Scott. Nach schneller Recherche stand fest: Das Originalkostüm war so simpel geschneidert, dass es ganz einfach nachkonstruiert werden konnte. Und nicht um über € 80,- gekauft. Rotes Herrenshirt (aus dem Rundhals- einen V-Ausschnitt gemacht), mit schwarzem T-Shirt-Rest komplettiert, Zackenlitze drauf, Abzeichen gestichelt. Und dann noch der typische Blick des abwägenden Ingenieurs: Aaaaaaah, Jim, ich mach's in zwei.

2014: Der Scotty.

Wir werden sehen, wie es in Zukunft weitergeht. Ob das Gymnasium auch verkleidungspflichtige Faschingsfeiern abhalten wird. Ob es dem Kind irgendwann zu blöd wird. Ob er sich selbst etwas zusammenstellen oder wieder mich beauftragen wird. Und ob er es mir dann wie in den letzten Jahren erst kurzfristig sagen kann, damit ich noch schnell in leichte Schweißausbrüche verfallen und in den Semesterferien rasch etwas auf den Kleiderbügel bringen kann. Ich gebe zu: Es macht mir ja Spaß. Nicht der Fasching. Aber die Kostümbildnerei.

Samstag, 12. April 2014

Die Raulederjacke des Herrn B.

Neulich an der Straßenbahnhaltestelle, erblickte ich, auf meinen Zug wartend, das mir nur entfernt bekannte Ehepaar B. Großeltern, jenseits der 70. Sie trug beige Bügelfreihose und Strickhaube, er hellbraune Raulederjacke. Doch an seiner linken Jackenseite, etwas über Hüfthöhe, und, bei genauerem Hinschauen, seiner linken Ärmeloberseite, entdeckte ich dunkle, abgeriebene Flecken. Was war geschehen? Und warum die Flecken nicht weggebürstet?

Als sie sich auf den Weg machten um in Richtung ihrer Wohnung zu spazieren, verstand ich die Ursache der Abriebsflecken.
Frau B. hängte ihren Arm in den ihres Mannes.
Ihr rechter Oberarm schmiegte sich an seinen linken Jacken-, ihre Hand auf seinen linken Ärmelfleck.
So gingen sie davon.
Und mir wurde klar, dass nur jahre-, wenn nicht jahrzehntelanges Paarlaufen Seite an Seite seine solchen Spuren hinterlassen haben konnte.