Montag, 24. Mai 2010

Findeisen (1997)

(Es gibt verschiedene Lösungen für das Versteck der Gewehre, am einfachsten ist es, die Truhe vorzurücken und hinter ihr das Ausheben der Dielenbretter, auch akustisch, vorzutäuschen.)


Der Mensch ist mit bloßen Armen geboren, wie man weiß.

Was man nicht weiß, ist sein Name.

Den Namen, den einer erhalten hatte, als er selbst noch nicht die Sprache verstand, in der man zu ihm redete, war Jakob Emanuel Findeisen.

Wer seine Familie war, die ihm den Namen gegeben hatte, ist durchschnittlich unwichtig, denn nach der Eintragung ins Geburtenbuch war es schon zu spät daran etwas zu ändern, also hat die Sippe in diesem Fall keine Bedeutung.

Sein Name hatte für ihn ebenfalls keine besondere Bedeutung, er war mehr oder weniger zufrieden damit, es hätte mich schlimmer treffen können, sagte er sich, wenn er an Schulkameraden oder Nachbarn dachte, die schon einmal die  unglaublichen Zumutungen wie Eberhard Bohnen oder Nikolaus von Sauspitz-Stichel durchs Leben tragen mußten. Die Damen konnten ihren Nachnamen durch eine etwaige Heirat entgehen oder durch jugendliche Spitznamen, die an sich peinliche Taufnamen vergessen lassen konnten. Aber als Mann mußte man dazumal stark wie ein Preisboxer die verdrehte Benamsung verkraften und sich daran gewöhnen, daß die Herzensdamen vor einer Heirat zögerten und sich doch für das kleinere
übel ihrer eigenen Namen, welche im Vergleich immer noch unauffälliger und weniger lachhaft schienen, entschieden.

Findeisen war also in dieser Beziehung ein zufriedener Mann, wobei er weniger zufrieden als gleichgültig war. Im Gegensatz zu der Aussage seines Namens war er allerdings kein Schrotthändler oder Scherenschleifer, sondern ein Gemüsehändler der kleinagrarischen, durchschnittlichen Art. Gurken und Kürbisse ergaben seinen Lebensunterhalt und den Inhalt seines Umfelds, denn im hinteren Teil seines Kellergeschäftes hatte er sich eine kleine Wohnung zusammengestellt, die erstaunlich trockenwandig und gemütlich war. Im Kellergeschoß eben, und da war es im Sommer kühl und im Winter nicht allzu kalt, und Ungeziefer gab es trotz der eingelagerten Agrumen keine. Bis auf eine winterliche Saatkrähe, die einmal den Rückflug versäumt hatte und es so immer wieder versuchte, sich bei Findeisen häuslich niederzulassen oder ihm zumindest täglich Gesellschaft zu leisten, die stete Kundschaft anzukrächzen - in freundlichem Sinne, versteht sich. Findeisen, von dem Federvieh nicht beeindruckt oder persönlich angetan, hatte ihr bis dato auch noch keinen Rufnamen angedeihen lassen, da die Krähe auch ungerufen auf dem höchsten Kartoffelsack Stellung bezog.

Die Krähe soll aber nicht weiter im Mittelpunkt stehen, denn sie war an sich ständig vorhanden, erhielt, da namenlos, auch keine Postsendungen, und verursachte Findeisen keine zusätzliche Arbeit, war quasi unsichtbar, da nicht anstrengend.

Findeisen, der ewigen Agrumennahrung aus seinem Geschäft ein wenig leid, vor allem, da man sich aufgrund des herannahenden Winters auch ein wenig Nahrung zur reinen Knabberlust zuführen wollte - um sich ein wenig Winterspeck anzufuttern -, ging nun also zur Konkurrenz und erstand unter anderem Räucherwürste, Kakao, Erdnußbutter und trockene Kekse (allzu sehr prassen wollte der sparsame Findeisen dann doch nicht, eingedenk der möglichen Heizungsrechnung und der immer ein wenig, wogleich nicht bedrohlich, abflauenden Geschäfte die Wintermonate über). 


So beginnt eine Geschichte die ich um 1997 herum geschrieben habe; daher auch die veraltete Rechtschreibung. Wer am Rest interessiert ist, kann sich bei mir ein .pdf abholen.

Das nächste Mal gibt es den Anfang der 1998 geschriebenen Geschichte "3130 Inzersdorfer Quarantäne", zu der es nun auch ein .pdf gibt.

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